Über Räume, Momente und das, was dazwischen entsteht

Interview mit dem Künstler Edgar L.
Text: Jessica Boladz Photos: David Rasche
Wenn mein Kopf etwas erklären kann, mein Auge aber irritiert ist, dann passiert etwas Interessantes.
Edgar L.
2026_Karl August Ausstellung mit Edgar L. (15)

Der Titel deiner aktuellen Ausstellung in der Lounge des Karl August heißt Scenery. Wie ist er entstanden?

Ich habe zuerst die Arbeiten ausgewählt. Viele davon zeigen Szenerien: Stadträume, Innenräume, aber auch den Himmel. Die Serie NYC ghosts & flowers spielt im urbanen Raum von New York, Scene in a Library zeigt eine inszenierte Situation, und Liquid Sky sind im weitesten Sinne auch Szenerien – nur eben im Himmel.

Die Ausstellung vereint Arbeiten aus über 20 Jahren. Früher habe ich oft nur einzelne Serien gezeigt. Heute kombiniere ich bewusst verschiedene Werkgruppen. Die Bilder beginnen miteinander zu kommunizieren, und oft entstehen zwischen ihnen spannendere Assoziationen, als wenn sie allein stehen.

 

Was bedeutet „Szenerie“ für dich?

Ein Setting. Ein Kontext, in dem etwas passiert. Und das kann vieles sein: ein Raum, eine Situation oder einfach ein Moment. Auch ein Hotel ist eine Szenerie. Menschen halten sich dort auf, verweilen und werden selbst Teil davon. Mir war wichtig, dass der Titel auch die Besuchenden und Betrachtenden miteinschließt.

2026_Karl August Ausstellung mit Edgar L. (20)

Ein Teil der Serie NYC ghosts & flowers ist bereits seit der Eröffnung fester Bestandteil des Karl August. Wie kam es zu diesen Werken?

Ich war 2010 in New York und wollte eigentlich klassische Straßenfotografie machen. Dann habe ich viel mit Google Street View gearbeitet, das es zu der Zeit nur in den USA gab, und habe gemerkt: Ich muss gar nicht mehr selbst rausgehen. Die Menschen dort fühlen sich unbeobachtet, gleichzeitig sind sie durch das Verpixeln anonymisiert – fast wie Geister. Das fand ich großartig.

Woher kommt der Titel?

Ich habe damals ein Album von der Band Sonic Youth gehört, welches so hieß. In der Serie NYC ghosts & flowers gibt es ein Bild, welches eine Frau zeigt, die wie ein Geist wirkt und in ein Blumenbouquet hineinläuft. Das war für mich „Ghost and Flowers“.

Du arbeitest mit vielen unterschiedlichen Techniken – von Großbildkameras über Street View, Scans und Collagen. Wie entscheidest du das?

Ich habe eine Idee und überlege dann, welche Technik dazu passt. Mich interessiert dieses Experimentieren sehr, auch die Kombination aus analog und digital. In der Collage zum Beispiel kann ich verschiedene Elemente aus unterschiedlichen Kontexten zusammenbringen. Dadurch entstehen neue Bedeutungen, und ich kann aktiver ins Bild eingreifen.

Du hast von einem analytischen Blick gesprochen. Was bedeutet das für dich?

Ich versuche zu verstehen, warum etwas funktioniert oder nicht. Aber am spannendsten wird es genau da, wo ich es nicht mehr ganz verstehe.
Wenn mein Kopf etwas erklären kann, mein Auge aber irritiert ist, dann passiert etwas Interessantes. Dieses Gefühl wird noch immer bei mir ausgelöst, wenn ich das ausgestellte Bild 14. – 18.06.2025 betrachte.

Wahrnehmung und Täuschung spielen eine große Rolle in deiner Arbeit. Warum?

Weil Wahrnehmung immer auch Täuschung ist. Wir schauen oft zu schnell. Mich interessiert das Gegenteil: Ich möchte, dass Menschen länger hinschauen. Wenn jemand sagt, er hat sich für ein Bild Zeit genommen, dann ist das für mich das Schönste.

2026_Karl August Ausstellung mit Edgar L. (24)

Deine Arbeit Scene in a Library wird oft als Selbstporträt beschrieben.

In gewisser Weise stimmt das. Ich kann nur von mir selbst erzählen. Ich bin gelernter Buchhändler, und Bücher spielen eine große Rolle für mich. Für diese Arbeit habe ich mich intensiv mit Utopien beschäftigt – politisch, philosophisch und künstlerisch. Die Bücher im Regal spiegeln diese Auseinandersetzung wider. Es ist gewissermaßen eine Präsenzbibliothek dessen, womit ich mich über einen längeren Zeitraum beschäftigt habe.

Was hast du zuletzt gelesen?

Im Zug hierher habe ich erst Nachrichten gelesen und dann ein wissenschaftliches Buch über wissenschaftliche Sammlungen angefangen. Das wurde mir dann aber irgendwann zu wissenschaftlich. Daraufhin habe ich TEXTE ZUR KUNST gelesen, was wiederum sehr philosophisch-soziologisch ist.

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Die Serie Liquid Sky wirkt sehr ruhig und gleichzeitig sehr konzeptuell. Wie ist sie entstanden?

Während Corona habe ich viel Zeit in Köln verbracht und angefangen, regelmäßig den Himmel zu fotografieren – morgens und abends. Der Himmel wurde für mich ein Ort der Zuversicht. Gleichzeitig habe ich mich auf die Musik der Band CAN bezogen und jedem Song ein Bild gewidmet. Diese Serie besteht aus 32 Collagen, die jeweils 32 x 32 cm groß sind und damit dem Cover einer Vinylplatte gleichen. Die Hintergründe entstanden durch einen Scanprozess, die ich dann mit den Fotografien des Himmels zusammenfügte.

Was fasziniert dich am Himmel?

Das Verrückte ist: Egal, wo du auf der Erde bist und in den Himmel schaust, du bist immer im Mittelpunkt. Und das gilt für uns alle. Wir teilen alle denselben Horizont.

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Hast du eine persönliche Utopie?

Eine Utopie ist ein Wunsch, der nie erfüllt werden kann. Wenn ich gefragt werde, was ich mir wünsche, sage ich immer Weltfrieden. Als mich meine Mutter letztes Jahr nach meinen Geburtstagswünschen fragte, meinte sie allerdings: „Bitte wünsch dir mal was anderes.“

Welche Rolle spielt Reisen für deine Arbeit?

Eine große. Reisen erweitert den Blick. Ich habe an vielen Orten gelebt: unter anderem in New York, Kanada, Istanbul, Vietnam und der Schweiz. Kunst und Leben brachten mich dorthin – mal durch meinen Partner, mal durch die Kunst. Oft entstanden diese Aufenthalte aber auch durch die Menschen, denen ich begegnete. Kunst und Leben lassen sich für mich nicht trennen.