Zwischen Form und Haltung
Der Künstler Olaf Metzel im Gespräch
Aktuell zeigen Sie eine Auswahl Ihrer Arbeiten in der Lobby des Hotel Karl August. Was verbindet Sie mit Nürnberg und dem Augustinerhof?
Nürnberg ist für mich seit Jahren ein Ort, an dem ich viele gute Bekannte habe. Den Augustinerhof habe ich schon erlebt, als er noch ein Rohbau war, mitten in der Corona-Zeit. Seitdem habe ich neugierig verfolgt, wie sich dieses Ensemble entwickelt: das Deutsche Museum, das Hotel, die Brasserie Nitz – alles fügt sich hier auf eine besondere Weise zusammen. Vor allem die Lage am Wasser, die Atmosphäre im Sommer, wenn man draußen sitzen kann… Das hat eine Ausstrahlung, wie man sie selten findet. Ich bin immer sehr gern hier und würde mir so etwas in dieser Qualität auch in München wünschen.
Wie nähern Sie sich der Aufgabe, Kunst speziell für diesen Ort auszuwählen?
Das beginnt eigentlich immer mit dem Raum selbst. Gemeinsam mit Shalimar Schmelzer und Sabine Pillenstein haben wir uns intensiv angeschaut, wie die Lobby funktioniert und welche Stimmung sie trägt. Es ist ja ein besonderer Ort – ein Hotel ist immer mit Reisen verbunden. Wenn man viel unterwegs ist, kennt man diese glatte, kühle Atmosphäre, die manche Hotellobbys ausstrahlen und die eher abweisend wirkt.
Hier ist das Gegenteil der Fall: Die Kaminecke, die besondere Möblierung, die nackte Betonwand – all das gibt dem Raum sofort einen eigenen Klang. Das hat mich gereizt und ich finde es befreiend, nicht immer im White Cube von Museen oder Galerien auszustellen, sondern Kunst in den Alltag einzubetten. Eine Lobby ist dafür ideal.
Mich haben vor allem die Themen Reisen, Unterwegssein und die Vielfalt unterschiedlicher Eindrücke geleitet. Ein Motiv stammt aus Südkorea, andere beschäftigen sich thematisch mit Israel, New York und Italien – es entsteht eine kleine, lebendige Mischung. Und weil im Hotel überall diese Coffee-Table-Books herumliegen, fand ich es stimmig, auch eine Arbeit aus meiner Serie Artbooks einzubeziehen. Sie passt wunderbar in diese Atmosphäre.



Sie zeigen ausschließlich Wandarbeiten. Was hat Sie dazu bewogen, sich für diese Werkgruppe zu entscheiden?
Ganz einfach: Sie passen zu diesem Ort. Große Installationen würden hier keinen Sinn ergeben – die Lobby hat ja bereits eine eigene, starke Gestaltung. Ich mag zum Beispiel die Sofas, die so miteinander verbunden sind, dass man sie immer wieder neu anordnen kann. Das Design ist bewusst gewählt, ebenso diese wunderbare Pflanzeninstallation.
Und dann sind da die Wände: Auf der einen Seite der rohe, unverkleidete Beton, der mich sofort gereizt hat – kein sauber gestrichener White-Cube-Hintergrund, sondern ein Material mit Charakter. Auf der anderen Seite die Paneele, die eine ganz andere Oberfläche bieten. Die Reliefs sollen sich im Raum behaupten und auf diese Mischung aus purer Architektur und Design reagieren.
Wie entstehen diese Arbeiten – können Sie kurz beschreiben, wie Sie dabei vorgehen?
Das Resultat vom Arbeitsprozess sieht von außen oft ziemlich entspannt aus – und so soll es auch sein. In Wirklichkeit ist er aber erstaunlich komplex. Man kann sich das gut an etwas ganz Einfachem vorstellen: Nehmen Sie ein DIN-A4-Blatt Papier. Falten Sie es einmal, dann ein zweites Mal, vielleicht ein drittes Mal – schon merken Sie, wie das Papier fester wird, wie der Widerstand wächst. Und wenn Sie dann noch eine Drehung hineinbringen, ist es fast unmöglich. Genau in diesem Moment wird es für mich spannend: Dieses „Widerständige“, sehr Physische ist für mich die eigentliche Herausforderung.
Wie eine Skulptur gefaltet oder verformt wird, lässt sich nicht rational erklären.Wenn Sie einen Maler fragen, warum er in einem bestimmten Moment zu Grün greift oder zu Blau, kann er das auch nicht Schritt für Schritt begründen. Ein Teil hat mit Inhalt oder Motiv zu tun, aber danach ist es oft vor allem eine formale, ästhetische Entscheidung.
Goethe hat einmal gesagt: „Bilde, Künstler! Rede nicht! Nur ein Hauch sei dein Gedicht.“ Der Betrachter soll etwas für sich entdecken können, ohne dass man alles erklärt. Manche Dinge müssen offen bleiben.
Wie wählen Sie aus, was inhaltlich auf Ihren Arbeiten zu sehen ist?
Das hat viel mit Unterwegssein zu tun. Ich sammle Eindrücke, wie andere Postkarten sammeln: Manchmal kaufe ich mir tatsächlich eine Ansichtskarte, manchmal mache ich ein Foto, schreibe mir etwas auf oder reiße einen Zeitungsartikel heraus. Am Ende entsteht so etwas wie ein visuelles Tagebuch – und aus diesem Fundus wähle ich dann aus.
Zum Beispiel ein Zeitungsausschnitt aus der New York Times, wo groß das Wort „Truth“ stand. Angesichts dessen, was man über Trumps Social-Media-Auftritte weiß, bekam dieser Begriff plötzlich eine ironische, fast absurde Ebene. So etwas greife ich dann auf, lasse es eine Weile liegen, arbeite wieder weiter, mache vielleicht eine kleine Serie dazu. Zwei dieser Arbeiten sind nun hier zu sehen.
Es ist also kein lineares Konzept, sondern eher ein Weitertragen von Beobachtungen – wie Notizen, die irgendwann eine Form finden.
Können Sie das anhand Ihrer Arbeit Argento d’oro 3 über der Couch erklären?
Sie hat eine ganz alltägliche Vorgeschichte. Ich war in Mantua, einer Stadt, in die ich immer wieder gern zurückkehre. Beim Gang über den Marktplatz fiel mir ein Schaufenster auf, das von innen komplett zugeklebt war. Zuerst dachte ich, das Geschäft würde renoviert oder schließen. Dann sah ich: Es war ein Juwelier. Und der hatte die Fenster nicht mit alten Zeitungen verhüllt, sondern mit Gold- und Silberpapier.
Auf dem Foto sieht man die Falten dieses Papiers noch ganz deutlich, und genau das hat mich angesprochen. Ich habe diese Struktur aufgegriffen und weiterentwickelt, selbst noch gefaltet – so weit, dass man nicht mehr sicher sagen kann, was „echt“ ist und was nur Abbild.
Diese Irritation interessiert mich. Dieses Spiel mit Wahrnehmung, mit Wirklichkeit und Schein, mit dem Fragezeichen „Was soll man glauben?“ – das gehört für mich zum Leben genauso wie zur Kunst.
Wie ist die Idee zu diesen Reliefs entstanden – und erinnern Sie sich noch an die erste Arbeit dieser Art?
Sehr gut sogar, das war in den 1980er-Jahren in Italien. Ich habe mich immer für Zeitungen interessiert – egal ob im In- oder Ausland. Wenn ich unterwegs war, habe ich mir häufig verschiedene Zeitungen gekauft, sie gelesen und gesammelt.
Damals war die Zeitungsproduktion noch völlig anders als heute: Es gab keinen Computersatz. Gedruckt wurde auf Aluminiumplatten, darauf Plastik, also die Vorlagen für Text und Foto. Dieses Material – eigentlich ein Negativ – hat mich fasziniert. Mit diesen Matrizen habe ich viele Arbeiten und Installationen hergestellt.
Als dann der digitale Satz kam, verschwand dieses Material. Alles wurde flach, glatt, eindimensional. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich trotzdem in dieser Formensprache weiterarbeiten könnte. Es hat Jahre gedauert, bis ich eine Lösung gefunden habe: ein Material, das sich von beiden Seiten bedrucken lässt, mit der richtigen Technik, der nötigen Stabilität. Da war viel Experiment und auch Computerarbeit dabei.
Aber irgendwann war die technische Grundlage da – und damit auch die Möglichkeit, diese Arbeiten so zu realisieren, wie ich sie mir vorgestellt hatte.
Woran erkennen Sie, dass eine Arbeit fertig ist – bereit, ausgestellt oder verkauft zu werden?
Das lässt sich schwer in Worte fassen. Es ist ein Moment, ein Gefühl – plötzlich weiß man: Jetzt ist es richtig. Jetzt ist es abgeschlossen. Wie man zu diesem Punkt kommt, kann ich nicht erklären. Und das, obwohl ich seit vier oder fünf Jahrzehnten arbeite. Ich kann nie vorher sagen, wann genau etwas fertig sein wird. Ich weiß nur, wann es soweit ist.
Natürlich gehört auch dazu, Dinge zu verwerfen. Man zerstört Arbeiten, weil sie einen noch nicht überzeugen, fängt wieder von vorn an. Es ist ein endloser Prozess, ein immer neues Herantasten. Aber genau das macht die Kunst ja aus.



Ist dieser Weg – das Suchen, Verwerfen und Neuansetzen – letztlich die eigentliche Arbeit?
Auch, ja. Man macht sich Gedanken, Notizen, zeichnet viel, beginnt etwas – und merkt manchmal, dass man auf dem Holzweg ist. Also 2 Schritte vor, einen zur Seite oder auch einen zurück.
Mich freut es, wenn das Ergebnis später leicht und selbstverständlich wirkt. Aber der Weg dorthin ist mit sehr viel Arbeit verbunden. Und genau das gehört für mich dazu. Das ist auch das, was mir Spaß macht.
Wie würden Sie gute Kunst charakterisieren?
Das ist natürlich sehr subjektiv. Für mich zeigt sich gute Kunst vor allem darin, ob sie etwas mit mir macht. Ich war vor Kurzem in Venedig und habe dort eine Ausstellung gesehen, die mich unglaublich animiert hat: Keramiken von Lucio Fontana, von den 1930er-Jahren bis zu seinem späten Werk, in der Peggy Guggenheim Collection. Das war großartig.
Solche Eindrücke haben eine unmittelbare Wirkung: Man verlässt das Museum und möchte sofort ins Atelier, etwas machen, weiterarbeiten. Es gibt aber auch Ausstellungen aus denen man herauskommt und denkt: Oh Gott, oh Gott. Dann gehe ich lieber ins nächste Café, setze mich auf einen Marktplatz und lasse den Tag einfach laufen. Davon habe ich am Ende mehr. Gute Kunst erkennt man für mich daran, dass sie einen in Bewegung setzt – innerlich oder ganz konkret.
Vor rund 20 Jahren haben Sie mit Ihrer Arbeit am Schönen Brunnen stark in den öffentlichen Raum eingegriffen. Würden Sie ein solches Projekt heute noch einmal genauso angehen?
Nein, so etwas kann man nur einmal machen. Dieses Projekt war sehr intensiv, es war temporär und das hat auch gereicht. Ob sich heute, fast 20 Jahre später, noch viele daran erinnern, weiß ich nicht. Solche Arbeiten gehören zu ihrer Zeit.
Grundsätzlich interessiert mich Kunst im öffentlichen Raum nach wie vor. Ich habe das immer gern gemacht, und gesellschaftskritische Themen sind für mich weiterhin relevant. Aber die Rahmenbedingungen haben sich stark verändert.
Ich bin immer offen für Kritik und Diskussion gewesen. Ich habe auch kein Problem damit, auf einem Platz zu stehen und mit Menschen über ein Projekt zu sprechen. Kritische Arbeiten haben es heute schwerer – gerade im und zum öffentlichen Raum.
Das finde ich schade. Denn Kunst darf und soll auch unbequem sein. Ohne Reibung verliert sie einen wichtigen Teil ihrer Kraft.
