Arbeiten mit Beton
Interview mit dem Künstler Philipp Eyrich
Von dir hängen mehrere Kunstwerke im Hotel Karl August und in der Brasserie NITZ. Wie sind diese entstanden?
Für die zwei Holzkringel im NITZ habe ich Kiefernäste rund um der Nürnberger Akademie gesammelt und mit einer Überplattungsdübelung verleimt. Durch die Klimaerwärmung und der damit verbundenen Schwächung der Bäume konnte sich der Borkenkäfer gut ausbreiten und es mussten viele Bäume entnommen werden.
Das gerade gewachsene Holz wurde zu Konstruktionsholz verarbeitet. Der Rest, der sich nicht für die industrielle Verarbeitung eignet, hat aber für mich sehr spannende Formen. Wenn bei einem Sturm ein Ast vom Baum fast abbricht, dann hat der Baum die Kraft, dass sich dieser Ast wieder verwächst.
Dann entstehen richtig stabile Rundungen oder ästhetische Bewegungen. Diese Formen werden dann von mit ausgesucht und zu einem „Neuen Ganzen“ zusammengesetzt. Anschließend lasse ich davon eine Neonarbeit im Maßstab 1:3 anfertigen.
In den Hotelzimmern hängen Abgüsse von Waldböden. Mit einer Kupferfolie und Beton als Druckmittel habe ich im Nürnberger Reichswald unweit des Kanals Abdrücke vom Waldboden genommen. Die Abgüsse sind Zeitzeugen des Waldes, denn der reine Kiefernwald, der uns 400 Jahre begleitete, ist ein auslaufendes Model. Wir kehren zu einem Mischwaldprinzip zurück, wie es vor dem 17. Jahrhundert weit verbreitet war, denn dieser Wald ist weniger anfällig für Krankheiten und kann sich in Problemzeiten besser behaupten.



Fotos: David Rasche
Außerdem hast du noch den Tresen im Restaurant Tisane gebaut. Wie war das Konzept?
Meine erste Frage war: Was fehlt bei einem Restaurantbesuch? Gerade im Tisane geht es mehr als nur ums Essen. Der Besuch ist eher wie eine Vorführung, wie im Theater. Hier geht es um Kultur. Die Gäste sollen sich auf etwas Neues einlassen und brauchen dafür eine offene Haltung ohne Vorbehalte und Ängste. Es geht um eine Entdeckerlust, eine kindliche, unbeholfene und freie Entwicklungsform. Neue Wege und innere Wege sollen wieder gefunden werden, um sich fair und treu zu bleiben. Pablo Picasso sagte mal, die Kunst sei es, das Kinde in sich zu bewahren.
Daher habe ich mich bei dieser Arbeit am Affenfelsen in Nürnberg orientiert. Er ist ein Ort, den ich schon immer als sehr interessant eingestuft habe, aufgrund von seinen spannenden Formen, der Natürlichkeit und der Begierde der Kinder, ihn zu erklimmen. Aber auch Erwachsene mögen ihn, wenn sie sich dort oben kurz erholen. Diese Gedanken über das Tisane waren zusammen mit den Erkenntnissen der Architekten von MEKADO Architekten die Grundlage für die Konzipierung der Arbeit.
Wie ist der Tresen entstanden?
Zuerst habe ich mehrere große Kästen gebaut, in die ich Sand geschüttet und diesen dann zu interessanten Formen gestaltet habe. Anschließend habe ich die Kästen komplett mit Beton aufgefüllt, wodurch ein Abdruck der Sandform entstand, eine Art Erdprint sozusagen. Das Besondere: Für die oberste Sandschicht habe ich extra Sandsteine vom Affenfelsen zerkleinert. Die hat sich dann beim Aushärten mit dem Beton verbunden, sodass der Tresen selbst zu einer Art Affenfelsen wurde.
Gleichzeitig ist der Tresen ein Symbol für einen natürlichen Kreislauf. Wenn man sich etwa den Kreislauf eines Steines anschaut, dann wird aus Fels erst Stein, dann Kiesel, Sand, Staub und zum Schluss Lehm, der wieder zum Felsen wird. Das ist der Zyklus eines ganz natürlichen Materials. Beton ist nur ein beschleunigter Prozess davon. Man nimmt Sand, vermischt es mit Wasser, wartet einen Tag und plötzlich ist ein Stein entstanden, was auf natürlichem Weg viele Jahre dauert.



Warum verwendest du für deine Arbeiten vor allem natürliche Materialien?
Sie haben eine eigene Dynamik, machen im Rahmen der physikalischen Gesetze, was sie wollen. Ich will auch gar nicht alles zu 100 Prozent beeinflussen, denn wenn das möglich ist, sind die Materialien meistens tot, wie Plastik zum Beispiel. Bei den Kieferästen für die Kringel musste ich mir gar keine Gedanken machen, wie genau die Formen entstanden. Das überlasse ich lieber der Natur. Erst bei der Präsentation übernehme ich die kompletten Entscheidungen.
Welche Bedeutung hat die Kiefer für dich?
Ich arbeite immer mit der Kiefer, weil ich alles an ihr mag, nicht nur den Stamm, sondern auch die Rinde und die dunklen Nadeln. Die Kiefer ist kein Baum, den wir besonders rühmen, wie die deutsche Eiche. Dennoch ist die Kiefer essenziell – besonders, wenn man mit Beton arbeitet. Das Holz wird neben dem Fichtenholz immer für die Schalung verwendet. Die Kiefer ist für mich der Begriff des Arbeiterbaums. Sie muss vieles schaffen, um etwas zu schaffen. Früher machte man Lacke und Lösungsmittel aus ihrem Harz.
Im Frühjahr 2025 hast du in der Nürnberger Kongresshalle deine Ausstellung „in hope of sentimental seeds“ gezeigt. Was war der Auslöser für dieses Projekt?
Das Gebäude interessiert mich eigentlich schon länger. Ich hatte das Gefühl, dass es an einer künstlerischen Auseinandersetzung gefehlt hat – besonders wenn es um die Frage geht, wie wir mit Orten umgehen, die eine so komplexe Geschichte haben und sich jetzt im Wandel befinden. Die Kongresshalle hat eine NS-Vergangenheit, war lange Zeit ein Lager und soll nun transformiert werden. Mein Konzept war deshalb, eine Art Archivierung vor der Transformation zu schaffen – also Spuren sichtbar zu machen, bevor sie verschwinden.



Fotos: Sebastian König
Du hast auch betont, wie wichtig es ist, dass Kunst zugänglich für alle ist. Warum ist das für dich so entscheidend?
Es ist entscheidend, weil Kunst nicht in einem Elfenbeinturm existieren darf. Sie muss für alle zugänglich sein, nicht nur für eine bestimmte Gruppe. Besonders in einer Stadt wie Nürnberg, die eine vielfältige Bevölkerung hat, ist es wichtig, dass jeder Zugang zu Kunst hat, unabhängig von sozialer Schicht, Herkunft oder Bildungsstand. Kunst kann verbinden und Dialog schaffen. Sie hat die Kraft, Menschen zu erreichen, die vielleicht in anderen
Kontexten nicht erreicht werden, und das ist für mich der Schlüssel, um gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Wenn Kunst den Raum verlässt und in den Alltag der Menschen eintritt, wird sie zu einem Teil ihrer Realität.
Vor 3 Jahren hattest du auch eine eigene Ausstellung im space between. Was hast du dort gezeigt?
Im Prinzip habe ich dort eine große Malerei ausgestellt. Auf 8 mal 9 Metern habe ich eine Plane mit aufblasbaren Kissen darunter ausgelegt und diese dann mit Beton „bemalt“. An der Vernissage haben sich die Kissen dann langsam aufgeblasen. Dadurch wurde der Boden immer wackeliger und unebener, man konnte nur noch in bestimmten Bereichen laufen und stehen. Die Versiegelung bzw. der Beton brach auf und fiel an manchen Stellen ab oder wurde durch das Betreten der Gäste zermahlen oder abgeschabt.
Der Titel der Ausstellung war „Blow Out“. Damit wollte ich einerseits den 3-jährigen Prozess der Entstehung des Space Between visualisieren. Denn wir hatten als Gruppe gerade was den Boden des Raumes anging, sehr viele Diskussionen, Explosionen und Risse. Diese sind natürlich unseren Wegen unabdingbar, da wir nicht still stehen wollen, sondern auch immer weiter gehen. Auch nach dieser performativen Eröffnung war es am Ende etwas Neues und Funktionierendes.
Andererseits war das Ziel, mit dem Space Between auch endlich an die Öffentlichkeit zu gehen und ihn sozusagen in die Gemeinschaft hinauszupusten.



Fotos: Jasna Kajevic
